Den Mutigen gehört die Welt!

„Den Mutigen gehört die Welt!“ – das stand vor 100 Jahren auf den Plakaten der Matrosen. Und das ist bemerkenswert, denn der Mut dieser Menschen war alles andere als selbstverständlich. 1918 lagen vier lange Kriegsjahre hinter den Menschen in Kiel und im Deutschen Reich.

Bild: Foto: Michael August
Rede aus dem Landtag

 

TOP 26: 100 Jahre Matrosenaufstand – für eine starke Demokratie (Drs. 19/1021)

 

 

„Wir leben in einer Zeit, in der wir uns fragen müssen, wie mutig wir heute sind. Wir müssen die Demokratie nicht mehr erkämpfen. Das haben andere für uns getan. Aber wir haben die Verantwortung sie zu verteidigen.“ Ralf Stegner

 

 

„„Den Mutigen gehört die Welt!“ – das stand vor 100 Jahren auf den Plakaten. Und das ist bemerkenswert, denn der Mut dieser Menschen war alles andere als selbstverständlich. 1918 lagen vier lange Kriegsjahre hinter den Menschen in Kiel und im Deutschen Reich. Zwei Hungerwinter, der Verlust von Verwandten an der Front und auf See, Entbehrungen im Alltag. Entbehrungen, die vor allem diejenigen trafen, denen es ohnehin schlecht ging. Und von denen diejenigen weitgehend verschont blieben, deren Militarismus und Großmachtstreben auf direktem Wege in diesen Krieg geführt hatte.

Bereits im Januar 1918 hatten die Kieler Arbeiter sich gegen die Sinnlosigkeit des Krieges gestellt. Zumindest für ein paar Tage gelang es ihnen, die Räder der Rüstungsmaschinerie anzuhalten, die das Sterben am Laufen hielten. Doch es sollten neun weitere Monate vergehen, bis die Matrosen vor Wilhelmshafen den menschenverachtenden Befehl verweigerten, in einem aussichtslosen Unterfangen auszulaufen und ihr Leben für die kruden Ehrvorstellungen der Marineführung zu opfern.

Es waren diese Matrosen, die auf ihre Plakate die eingangs von mir zitierte Parole schrieben: „Den Mutigen gehört die Welt!“. Und nach der Verlegung der Flotte war es hier in Kiel, dass die Matrosen Mitstreiterinnen und Mitstreiter fanden. Die politisierte Kieler Arbeiterschaft solidarisierte sich. Gemeinsam übernahm man die Stadt, nahm die Verantwortung in die eigene Hand und entzündete einen Funken, der auf ganz Deutschland übergreifen sollte. Dieser Mut war alles andere als selbstverständlich. Er war keine logische Folge der Entwicklung und er nötigt mir bis heute großen Respekt ab. Und es ist ein starkes Zeichen, dass wir als Parlament uns heute die Zeit für diese Debatte nehmen. So viele historische Ereignisse von Weltrang gab es in Schleswig-Holstein nicht.

Es war nicht nur die Sorge um das eigene Leben, die die Menschen antrieb. Es war auch der Kampf für eine bessere und freiere Gesellschaft. Die Forderungen der Matrosen zeigen auch heute noch vieles von dem, was für eine Demokratie unerlässlich ist. Die Achtung und der Respekt für jeden Menschen, unabhängig von seiner Stellung und seiner Herkunft. Rede- und Pressefreiheit. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Für Männer und Frauen, ohne Ansehen des Standes, ohne Klassen. Das war im wahrsten Sinne des Wortes revolutionär.

Kiel war der Beginn der Novemberrevolution, das Ende der Hohenzollern und der unwidersprochenen Vorherrschaft des Militarismus. Aber es ebnete eben auch den Weg nach Weimar, für die erste echte Demokratie auf deutschem Boden mit ihren sozialen und demokratischen Errungenschaften. Errungenschaften, die nach der nationalsozialistischen Diktatur auch Grundlage unserer Bundesrepublik sind. Deutschland ist seit bald 70 Jahren eine stabile Demokratie. So stabil, dass wir es sogar ertragen, wenn heute in diesem Haus Veranstaltungen mit ewig gestrigen Geschichtsverdrehern der neuen und alten Rechten stattfinden.

Aber man vergisst leicht, dass Demokratie eben kein Automatismus ist, der als logische Folge aus der Monarchie oder der Diktatur erwächst. Sie musste erkämpft werden von mutigen Männern und Frauen, hier in Kiel. Und darauf können wir als Parlament gemeinsam stolz sein.
Bereits 1918 wurde der Matrosenaufstand von denen instrumentalisiert, die von ihrer eigenen Verantwortung für die Katastrophe des Krieges ablenken wollten. Der November 1918 war auch die Geburtsstunde der unheilvollen Dolchstoßlegende, einer der Schritte auf dem Weg in die nationalsozialistische Diktatur, die 15 Jahre später die Errungenschaften des Matrosenaufstandes – vorerst – vernichtete. Der Begriff Fake News mag aus dem 21. Jahrhundert kommen. Aber der dahinterstehende Mechanismus ist sehr viel älter.

Das positive Gedenken an den Matrosenaufstand war lange Zeit der politischen Linken vorbehalten. Bis weit in die Nachkriegszeit waren die Matrosen für viele vaterlandslose Gesellen, Meuterer, Bolschewiken. Die Bewertung der nationalen und nationalistischen Kräfte wirkte nach. Ich freue mich ausdrücklich, dass dies heute anders ist und wir gemeinsam als demokratische Fraktionen die Errungenschaften des Kieler Matrosenaufstandes würdigen. Und ich freue mich auch über die Aufbereitung des Jubiläumsjahres. Medial in der Landespresse, mit Veranstaltungen wie dem Barcamp unseres Landesbeauftragen für politische Bildung, in Kunst und Kultur. Vor allem auch in Ausstellungen.

Besonders hervorheben möchte ich die von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Wanderausstellung des Landes: „Revolution 1918 – Aufbruch in Schleswig-Holstein“. Mein Dank geht an die aktuelle Landesregierung, an diesem Konzept der Küstenkoalition fest zu halten. Wir wünschen uns, dass für diese hervorragend aufgearbeitete Ausstellung ein Platz gefunden wird, um an den derzeitigen Erfolg anzuknüpfen und vielen weiteren jungen Menschen einen Besuch zu ermöglichen.

Wir leben in einer Zeit, in der wir uns fragen müssen, wie mutig wir heute sind. Wir müssen die Demokratie nicht mehr erkämpfen. Das haben andere für uns getan. Aber wir haben die Verantwortung sie zu verteidigen. Und wir – das sage ich ausdrücklich als Sozialdemokrat – müssen uns immer wieder hinterfragen, wie nah wir den Idealen von damals gekommen sind. Es darf nicht nur darum gehen, die Errungenschaften zu verteidigen, sondern für das zu kämpfen, was noch fehlt. Ohne Zweifel: Eine bessere Gesellschaft haben wir geschaffen. Doch Ungerechtigkeiten bleiben, gegen die bereits 1918 gestritten wurde. Auch heute noch bestimmt die Herkunft viel zu sehr über die Chancen. Auch heute noch ist bei der Gleichberechtigung ein weiter Weg zu gehen – der Blick ins Plenum zeigt es. Und auch heute noch ist Frieden etwas, um das wir uns immer wieder neu bemühen müssen – der tägliche Blick in die Medien ist Beweis genug.

Demokratie ist mehr als eine Regierungsform unter vielen. Sie ist der Schutz gegen Unterdrückung, gegen Willkür. Sie sichert Vielfalt und Mitbestimmung. Und nur mit ihr gibt es eine Gesellschaft, in der die Würde des anderen ein gemeinsames Gut ist. Das alles wussten auch die Matrosen vor 100 Jahren. Vor allem aber ist sie eine tiefe Überzeugung. Eine Überzeugung, für die man kämpfen muss, für die man bereit sein muss, auf der Straße zu stehen. Es stand 1918 auf den Plakaten und es gilt noch heute: Den Mutigen gehört die Welt!“