Dieser Landesregierung fehlen Mut und Wille, bei Lehrergewinnung neue Wege zu gehen

zu TOP 49 + 51: Bericht zur Lehrkräftegewinnung und zur Unterrichtssituation (Drs. 19/760, 19/974, 19/1047)

Kai Vogel Bild: Foto: Michael August

Der Bericht der Landesregierung zur Lehrkräftegewinnung führt das aus, was Frau Ministerin Prien im Mai bereits im Bildungsausschuss vorgetragen hat. Sie hat damals die Behauptung aufgestellt, sie habe das Thema „Gewinnung von Lehrkräften“ sozusagen neu erfunden. Die Sicherung der Unterrichtsversorgung war bereits die schulpolitische Priorität der Küstenkoalition, und deshalb haben die sozialdemokratischen Ministerinnen Wara Wende und Britta Ernst die ersten wesentlichen Schritte für die Gewinnung von Lehrkräften auf den Weg gebracht. Hier kann Frau Prien ein weiteres Mal ernten, wo andere das Feld bereits gepflügt und gesät haben. Die Zeiten ständig absinkender Schülerzahlen sind demnächst vorbei. Wir werden in wenigen Jahren wieder ein leichtes Anwachsen haben und damit mehr Bedarf an Lehrkräften. Das Bildungsministerium hat wahrlich nicht den Stein der Weisen entdeckt. Vielmehr zeichnet sich der Bericht durch die Aneinanderreihung von Wortungetümen wie „Lehrerbedarfsprognosemodell“ aus, die jedem Nichtdeutschen, der Deutsch lernen will, schlaflose Nächte bereitet.

Obwohl Sie unter optimalen Bedingungen des Landeshaushaltes Politik gestalten können, gehen Sie viel zu zögerlich vor. Die Anhebung der Besoldung der Grundschullehrer auf A13 ist richtig. Diese Anhebung bis 2025 zu strecken, ist genau das Gegenteil von Wertschätzung. Wer wird sich denn aus einem anderen Bundesland bei uns auf eine Grundschullehrerstelle bewerben, wenn er weiß, dass die Besoldungserhöhung erst in sieben Jahren erfolgen wird? Vom Weihnachtsgeld will ich gar nicht erst reden. Zudem überlassen Sie es ihrer Nachfolgeregierung, Ihre Versprechen einzulösen oder bei verschlechterten Haushaltsbedingungen einsammeln zu müssen – was das für die Motivation künftiger Lehrer bedeuten würde, kann man sich unschwer ausmalen. Der Bericht legt einen Schwerpunkt auf den Quer-, Seiten- und Direkteinstieg. Das ist insoweit richtig, als es ohne diese Instrumente nicht gelingen wird, die Unterrichtsversorgung aufrechtzuerhalten. Die Anhörung zum Lehrkräftebildungsgesetz, soweit diese unter den unzumutbaren Zeitvorgaben überhaupt möglich war, hat aber auch  ergeben, dass diese Instrumente von vielen Anzuhörenden als unvereinbar mit der Sicherung der professionellen Arbeit empfunden wird. Die Landesregierung muss junge Menschen vor und nach dem Abitur über die Chancen informieren, die ein Lehramtsstudium bietet. Aber es wäre unverantwortlich, dabei nicht auch auf die Risiken hinzuweisen.

Die Geschichte des Lehrerarbeitsmarkts wird von bösen Zungen gern als „Schweinezyklus“ bezeichnet. Wer sich heute dafür entscheidet, eine Lehramtsausbildung zu beginnen, muss auf das Risiko hingewiesen werden, dass die Einstellungschancen dann, wenn er mit dem Referendariat durch ist, sich dramatisch verschlechtert haben könnten. Erfahrungen in der Vergangenheit haben öfter gezeigt, dass der Einstieg in die Ausbildung zum vermeintlich sicheren Brotberuf des Lehrers in langjährigen Warteschleifen oder gar in der Dauerarbeitslosigkeit endete, wenn ein geringer Ersatzbedarf, verbunden mit Haushaltsproblemen des Landes, nur sehr schmale Einstellungs-Nadelöhre schuf. Alle Ansätze von Lehrergewinnung werden nur dann erfolgreich sein, wenn es der Landesregierung zügig gelingt, den Lehrerberuf zu einem wirklich attraktiven Beruf aufzuwerten. Leider ist es in den Schulen mittlerweile Realität, dass Lehrkräfte sich von der Fülle der Aufgaben nicht nur gefordert, sondern überfordert fühlen.

Die Aufgabenfülle nimmt immer weiter zu und Entlastungen blieben stets aus. Leitungszeiten wurden gekürzt, Stundenverpflichtungen heraufgesetzt, Fortbildungen haben früher parallel zur Unterrichtszeit stattgefunden, heute finden sie am Nachmittag statt. Inklusion, Digitalisierung, DaZ, zentrale Abschlüsse, Vergleichsarbeiten sind Themen, die für alle Lehrkräfte heute in den Unterricht einfließen. Alle Projekte sind richtig, doch kosten sie viel Kraft. Jetzt ist es die Aufgabe des Ministeriums, den Lehrkräften genügend Raum und Zeit zu geben, damit sie alle Aufgaben engagiert und mit Freude erfüllen können. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für einen Erfolg in der Lehrkräftegewinnung.

Die beiden Berichte sind Diskussionsgrundlagen, die wir im Bildungsausschuss vertieft beraten sollten. Ich bitte um Überweisung in den Bildungsausschuss und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.