Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft

Unstrittig ist, dass die Profiloberstufe nach zwölf Jahren Veränderungsbedarf hat, nicht weil wir die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer alle paar Jahre mit weitgehenden Veränderungen beglücken wollen, sondern weil sich in der Auswertung Schwächen gezeigt haben.

Bild: Foto: Michael August

 

„Wir wollen deshalb die Diskussion über die Oberstufe thematisch breiter aufstellen.“ Martin Habersaat

 

 

Rede aus dem Landtag. TOP 17: Neugestaltung der Oberstufe

„Unstrittig ist, dass die Profiloberstufe nach zwölf Jahren Veränderungsbedarf hat, nicht weil wir die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer alle paar Jahre mit weitgehenden Veränderungen beglücken wollen, sondern weil sich in der Auswertung Schwächen gezeigt haben. An vielen Gymnasien und Gemeinschaftsschulen mit Oberstufen mussten die Schülerinnen und Schüler notgedrungen Profile belegen, die nicht ihren Interessen und ihren Stärken entsprachen, weil die von ihnen gewünschten Profile mangels ausreichender Interessentenzahl und manchmal auch mangels Fachlehrern nicht zustande kamen.

Das Bildungsministerium hat dazu im September 2018 ein Diskussionspapier vorgelegt. Aber nicht nur wir, sondern auch die „Endverbraucher“ an den Schulen haben ja nun ihre Erfahrungen mit der Diskussionskultur dieser Landesregierung. Die meisten gehen davon aus, dass die erforderlichen Verordnungen und Erlasse zeitgleich mit dem Diskussionspapier geschrieben wurden, um nach Abschluss einiger Veranstaltungen möglichst schnell in Kraft gesetzt zu werden. Und deswegen ist es eben nicht bloß der Versuch, Wasser ins Schwimmbad zu tragen, wie die Bildungsministerin unsere Initiative letzte Woche abqualifizierte. Es geht darum, mehr als den Nichtschwimmerbereich zu fluten.

Das Diskussionspapier des Ministeriums listet einige Maßnahmen auf, die soweit wie möglich systemimmanent bleiben. Diese Verengung der Diskussion verwundert, nachdem die Koalition erst vor kurzem eine Verlängerung der Schulzeit an den Gymnasien durchgesetzt hat, was bei allem Für und Wider jedenfalls die Gestaltungsmöglichkeiten, auch hinsichtlich der Oberstufe, erhöht. Nebenbei: Auch für die wieder verlängerte Mittelstufe gäbe es jetzt die Chance einer Entwicklung nach vorne.

Wir wollen deshalb die Diskussion über die Oberstufe thematisch breiter aufstellen. Nachdem es Ihr Ansatz war, den Schülerinnen und Schülern mehr Zeit zum Lernen zu geben, sollten Sie ihnen auch mehr Freiräume zur Persönlichkeitsentwicklung, für projektorientierten Unterricht, Praktika und Auslandsaufenthalte zur Verfügung stellen.
Bundesweit sind schon Viele auf dem Weg: Die Evangelische Schule Berlin-Zentrum erprobt seit einigen Jahren neue Lernkonzepte wie Pulsare, eine Art Fächer- und jahrgangsübergreifender Projektwoche, mit Lernexpeditionen und in Klasse 11 mit dem Motto „Alle ins Ausland“. Die Ergebnisse werden im Netzwerk „Neue Oberstufe“ auch anderen Schulen zur Verfügung gestellt. Am Sportgymnasium Potsdam läuft ein Schulversuch zum Additiven Abitur mit vielen individuellen Möglichkeiten, einige Schulen in Baden-Württemberg warten sehnsüchtig auf eine Genehmigung durch die KMK zur Erprobung des Abiturs im eigenen Takt.

Die Deutsche Schulakademie – das sind die mit dem Deutschen Schulpreis – betreibt zwei Innovationslabore zur Zukunft der Oberstufe, eines zu „G-Flex“ und eines zu neuen Lernarrangements. Im Forum „Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft“, zeigte Prof. Dr. Anne Sliwka -die auf Einladung von Frau Prien ja schon einmal in Kiel war- neue Lernformate, alternative Zugänge zur Oberstufe sowie ein flexibles Kurssystem auf, ebenso wie erprobte Beispiele aus anderen Ländern. Trauen wir uns doch auch, über den Zaun zu schauen!

Warum es ein Mehrwert sein soll, die Abiturklausuren innerhalb weniger Tage zu schreiben, erschließt sich mir nicht. Ob eine Verteilung auf unterschiedliche Semester ein geeignetes Modell ist, will ich heute noch gar nicht abschließend bewerten, aber wir sollten zumindest darüber diskutieren. Es gibt auch die Möglichkeit, Fächer konzentrierter zu unterrichten als bisher. Statt ein Fach zwei Jahre lang jeweils zwei Stunden pro Woche zu unterrichten, könnte man es auch ein Jahr lang mit vier Stunden pro Woche unterrichten. Da das Abitur auch auf ein Hochschulstudium vorbereitet, sollten auch die Möglichkeiten geschaffen werden, zu einem Modul sowohl Wiederholung als auch Vertiefung anzubieten. Die Rolle der Schülerinnen und Schüler in den letzten Schuljahren sollte sich auch dahingehend verändern, dass Tutorengruppen gebildet werden können.
In den wenigen Minuten, die ich heute zur Verfügung habe, können wir diese unterschiedlichen Ansätze nicht ausdiskutieren, die von Lehrerverbänden und -gewerkschaften seit geraumer Zeit debattiert werden. „Über die Ziele und Wege soll ein breiter Diskussionsprozess in Gang kommen“, schrieb das Ministerium bei der Vorstellung seines Diskussionspapiers. Ich bin gespannt, ob das ein ernst gemeintes Angebot war.“