Die „Verschickungen“ sind ein trauriges Kapitel kollektiven Versagens

Tobias von Pein: Wir reden heute über ein weiteres trauriges Kapitel kollektiven Versagens. Wieder waren Kinder betroffen, wieder waren Erwachsene willentlich und wissentlich an Missbrauch und Demütigung beteiligt. Kinder waren schutzlos ausgeliefert und mussten Dinge erleben, die sie bis ins hohe Alter und ins hier und jetzt mit sich herumtragen.

Tobias von Pein Bild: Foto: Michael August

Rede aus dem Landtag

TOP 15: Geschehnisse im Rahmen von Kinderkuren in Schleswig-Holstein aufarbeiten (Drs. 19/1873)

«Kinder werden mit allen sozialen und menschlichen Eigenschaften geboren. Um diese weiterzuentwickeln, brauchen sie nichts als die Gegenwart von Erwachsenen, die sich menschlich und sozial verhalten.» (Jesper Juul) 

„Wir reden heute über ein weiteres trauriges Kapitel kollektiven Versagens. Wieder waren Kinder betroffen, wieder waren Erwachsene willentlich und wissentlich an Missbrauch und Demütigung beteiligt. Kinder waren schutzlos ausgeliefert und mussten Dinge erleben, die sie bis ins hohe Alter und ins hier und jetzt mit sich herumtragen. Es ist nicht einfach sich dieser Vergangenheit zu stellen, aber es befreit. Und deshalb ziehe ich meinen Hut vor denjenigen, die sich im November auf Sylt zum ersten bundesweiten Vernetzungstreffen zusammengetan haben. Die „Verschickungskinder“ haben sich organisiert. Sie fordern die Aufarbeitung der Geschehnisse in den Kurheimen und die Übernahme von Verantwortung. Etwa 840 so genannte Kurheime gab es nur in den 1960er Jahren in Deutschland. Viele davon in Schleswig-Holstein. Die meisten davon an der Westküste. Dort wo es weit weg von Zuhause ist, wo frische Luft weht, wo viele Ferien machen. Nach Berechnungen der Initiative reden wir über eine zeitweilige Bettenkapazität von 56.000 Betten. Die wurden alle sieben Wochen neu belegt. Wir reden also über Millionen Kinder. Laut Report Mainz um die 1,6 Millionen Kinder. Da unser Land auch hier wieder viele Einrichtungen hatte, in denen Kindern aus dem ganzen Bundesgebiet waren, müssen wir uns kümmern. Wir müssen ganz vorne sein, wenn es um die Aufarbeitung geht. Ich erwarte, dass wir dieses Signal heute an die Betroffenen senden.

Kinder und Jugendliche müssen bestmöglich geschützt und unterstützt werden. Vor Gewalt, vor Erniedrigung und allem was ihre Entwicklung einschränkt. Die Kinderkuren oder zeitweise auch „Verschickungen“ genannt, sollten zu Gesundheit der Kinder beitragen. Heute wissen wir, dass diese Aufenthalte nicht gesund gemacht haben, sondern krank. Machtgehabe, Böswilligkeit, falsche Erziehung, schwarze Pädagogik. Die Zeugenberichte der Betroffenen sind erschreckend. Redeverbot, Kälte, Morddrohungen, Esszwang, Kinder mussten ihr Erbrochenes essen, Toilettenverbot, körperliche Strafen, Demütigungen und Erniedrigungen. Es sind die Seelen der Kinder, die verletzt wurden und bis heute verletzt sind. Der Verlust des Urvertrauens ist das eine, was Folgen hatte. Das andere ist, dass sie als unsichere Menschen aus den Kurheimen zurückgekehrt sind. „Die lebensrettende Funktion der Verdrängung in der Kindheit verwandelt sich später beim Erwachsenen in eine lebenszerstörende Macht.“ (Alice Miller) Umso wichtiger ist es, dass den Betroffenen geholfen wird. Die Aufklärung und Aufarbeitung ist eine konkrete Hilfe. Hören wir den Menschen zu, das sind wir ihnen schuldig. Wer waren die Verantwortlichen? Wieso wurde den Kindern kein Gehör geschenkt? In welcher Form war Schleswig-Holstein mit seinen Institutionen mitverantwortlich? Gab es Kontinuitäten zur NS-Zeit? All dies sind Fragen, die es zu bearbeiten gilt. Für uns Sozialdemokraten ist die Stärkung der Kinderrechte ein zentrales Anliegen. Der Schutz vor Grenzüberschreitungen, Hilfeangebote und mehr Beteiligung sind unsere Ziele. Wir können durch das Zuhören und durch die Aufklärung dieses Kapitels vieles lernen. Gehen wir es an.“