Martin Habersaat und Serpil Midyatli: "Die Selbstbeweihräucherung von Ministerin Prien kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Schulen mit vielen Unsicherheiten ins neue Schuljahr starten."

Serpil Midyatli Bild: Michael August

Selbstbeweihräucherung löst keine Probleme

Zur Pressekonferenz der Bildungsministerin anlässlich des Schuljahresbeginns erklären der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Habersaat und Serpil Midyatli:

„Einmal mehr ersetzt die Jamaika-Koalition Handeln durch Propaganda. Die Selbstbeweihräucherung von Ministerin Prien kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Schulen mit vielen Unsicherheiten ins neue Schuljahr starten. Leidtragende werden die Schüler*innen und Lehrer*innen sein; sie müssen sich an dem „Rahmenkonzept“ abarbeiten, das ohne Beteiligung der Elternvertretungen entwickelt wurde und viele Fragen unbeantwortet lässt.

So fehlen beispielsweise konkrete Antworten im Umgang mit leichten Erkältungssymptomen. Es braucht hier aber klare Vorgaben, die für alle – inklusive der Eltern – verständlich sind. Sonst droht in der Erkältungszeit ein völliges Chaos. Wir können die Beschulung unserer Kinder jedenfalls nicht gegen jede medizinische Erkenntnis bei jeder Schnupfnase bis nächstes Frühjahr einstellen. Das können weder die Eltern leisten, die schon beim ersten Lockdown ihre Kinderkrankheitstage aufgebraucht haben, noch wäre ein solches Vorgehen mit den Entwicklungschancen unserer Kleinsten zu vereinbaren.

Die Sommerferien hätten als Chance genutzt werden müssen, eine möglichst optimale Vorbereitung auf ein schwieriges Schuljahr sicherzustellen; diese Chance wurde nicht genutzt. Die SPD hat dazu ein Konzept vorgestellt, damit das neue Schuljahr klappen kann.

Abstand, Maske, Händewaschen und Durchlüftung

Das sind die wesentlichen Empfehlungen von Gesundheitsexperten für den Umgang mit dem Corona-Virus. Abstände von 1,5 Metern können an Schulen nicht eingehalten werden. Stattdessen setzt das Ministerium auf das „Kohortenprinzip“, wobei Kohorten etwas schwammig definiert werden und sogar mehrere Jahrgänge einer Schule umfassen können.

Die Hamburger Schulbehörde verteilt an alle an Schulbeschäftigten kostenlos Plexiglas-Visiere und FFP2-Masken. Auf diese Idee hätte auch das Bildungsministerium kommen können. Die Schulträger haben hoffentlich die Ferien genutzt, die Möglichkeiten zum Händewaschen oder zum Durchlüften der Räume zu verbessern. Auch Unterricht im Freien ist mindestens bis zu den Herbstferien eine Option. Langfristig müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie Schulen und Klassenräume „nach Corona“ aussehen müssen. Die SPD hat dazu im Rahmen der FAG-Gesetzgebung eine Anhörung im Bildungsausschuss angestoßen.

Warum gehen Sozial- und Bildungsministerium mit der Bewertung von Schnupfnasen als Risikofaktor unterschiedlich um? Kitas und Schulen sollten mit der Einschätzung von Erkältungssymptomen in gleicher Weise umgehen. Baden-Württemberg hat zu diesem Thema eine Grafik vorgelegt, anhand der den Eltern leicht verständlich mitgeteilt wird, wie sie sich bei Erkältungssymptomen zu verhalten haben, wann die Kinder zuhause bleiben oder sie zum Arzt müssen etc. Eine solche Grafik auch in Schleswig-Holstein würde den Eltern nicht nur Entscheidungssicherheit geben, sondern sie hätten auch etwas in der Hand, wenn sie mit eigenwilligen Interpretationen der Landesverordnung durch die Einrichtungsleitungen konfrontiert werden.

Der Start ins neue Schuljahr

Gleich zu Beginn des neuen Schuljahres müsste sichergestellt werden, dass alle Schülerinnen und Schüler Phasen des Fernunterrichts wahrnehmen können. Verfahren des Fernunterrichts, mit verbindlichen Wochenplänen, müssen an den Schulen besprochen und eingeübt werden, auch und gerade, wenn Präsenzunterricht stattfinden kann. Kompetenzen der Lernprozessgestaltung müssen in den Vordergrund rücken, es darf nicht nur um Stoffvermittlung und das Abarbeiten von Lernaufgaben gehen. Auf die Wochen bis zu den Herbstferien kommt es an!

Der Umgang mit Lehrkräften aus Risikogruppen ist hoch problematisch. Ärztliche Atteste werden größtenteils vom Tisch gefegt. Man kann nur hoffen, dass sich das nicht bitter rächt.

 Rückstände aus dem letzten Schuljahr

Gerade mal 1 Prozent aller Schülerinnen und Schüler hat am Lernsommer teilnehmen können. Ob sie alle an Rückständen aus dem letzten Schuljahr arbeiten konnten, ist offen, die Angebotsmöglichkeiten ließen ein breites Spektrum zu. Der Umgang mit Heterogenität wird also eine noch größere Herausforderung darstellen als ohnehin schon. Es gibt Schülerinnen und Schüler, die zuhause gut lernen und große Fortschritte machen konnten. Andere konnten das nicht. Die kurz vor den Ferien von der Koalition beschlossene Schulgesetz-Änderung belohnt die Privilegierten auch noch.

Für das Schuljahr 2020/21 hätte es Kürzungen in den Lehrplänen geben müssen, um Raum für Offengebliebenes aus dem Schuljahr 2019/20 zu schaffen. Auch zusätzliche Angebote an den Schulen sind erforderlich. Das Ministerium verlangt nun von jeder Schule, das Rad selbst zu erfinden. Restmittel aus dem Lernsommer und die vom Bildungsministerium zusätzlich eingeworbenen 10 Millionen Euro müssen schnell an die Schulen. Bereits heute kann begonnen werden, individuelle Angebote für die Herbstferien vorzubereiten – unter Berücksichtigung der Erkenntnisse aus dem Lernsommer.

Digitales Lernen

Die Corona-Pandemie für den digitalen Innovationsschub zu feiern, ist originell. In der letzten Legislaturperiode haben wir „digitale Modellschulen“ ausgezeichnet, an denen sich andere orientieren können. Wo ist die Liste der Schulen, die Lernen auf Distanz besonders gut umgesetzt haben? Welche Methoden empfiehlt das Ministerium? Immerhin steht inzwischen fest, welche einheitliche Lernplattform kommen soll: „itslearning“ soll es werden – leider nicht zum Schuljahresbeginn am 10. August. Aus Datenschutzgründen müssen Microsoft-Bestandteile ersetzt werden. Freeware ist zwar grundsätzlich zu begrüßen, bei künftigen Arbeitgebern könnte aber auch ein sicherer Umgang mit Microsoft von Nutzen sein.

Als erstes Bundesland hat Bremen allen Schulen den Zugang zur Lernplattform „Sofatutor“ ermöglicht. Das wäre auch eine Hilfe für die Schulen in Schleswig-Holstein.

Digitale Endgeräte

Es hat lange gedauert, bis die Richtlinien zur Anschaffung der Digitalen Endgeräte aus den Erweiterungsmitteln zum Digitalpakt vorlagen. Viele Schulträger werden diese Geräte in den Ferien bestenfalls bestellt haben, einige noch nicht einmal das. Dataport hat bereits vor langen Lieferzeiten gewarnt. Die regulären Mittel zum Digitalpakt müssen in Schleswig-Holstein noch immer von den Kommunen kofinanziert werden – in allen anderen norddeutschen Ländern nicht. Die Frage der Internetzugänge für alle Schülerinnen und Schüler ist ungeklärt. Zwei Ansatzpunkte für schnelles Handeln